Santiago de Compostela Sonntag, 31.03.2019 bis Sonntag, 30.06.2019

Die Protagonisten sind:

  1. Pferde:
    • die Stute des Grafen Esmeralda (genannt: Santi), 13-jähr. Andalusier-Quarter-Horse,
    • Herr Ritter Herberts turniererfahrene Stute Kerry, 19 Jahre jung,
    • des Edelknechtes Paul Marijam, 6 Jahre alte Stute, Vollblutaraber, + Minou (Hund)
    • Packpferd Maja, 7 Jahre alte Stute, eine Knabstrupperin
  2. Personen:
    • Dr. Gilbert Haufs-Brusberg (70), Rechtsanwalt in Trier. Die Familie besitzt Schloß Veldenz an der Mosel. Ruine der Stammburg der Grafen von Veldenz seit 1107. Der Pilgerzug nach Spanien zu Pferd nimmt den Ritt des Grafen im Mittelalter zum Anlass in (weitgehend) authentischer Gewandung sein Versprechen, den Grund der Pilgerreise einzulösen, am Ende der beruflichen Karriere zu danken. Dies in der Art und Weise eines Ritters im 13. Jahrhundert. Also natürlich nach Santiago de Compostela.
    • Herbert Pütz (55), von Beruf: Ritter. Unter der Bezeichnung „Ritter von Kimbelstein“ professionell auf Turnieren und Mittelaltermärkten unterwegs. Immer auf der Flucht vor schönen Maiden. Eng mit Pferden verbunden und für keine Schandtat seines niederadligen Standes zu schade. Einem Ondit zufolge wird er es mit der Absolution in der Kathedrale zu Santiago am schwersten haben.
    • Paul Neukirch (60), ohne ihn sicher kein Ritt in 90 Tagen über 2473 km im April durch Kälte und Regen mitten durch Frankreich. Heute Kastellan und Hufschmied auf Schloß Veldenz, früher franz. Fremdenlegionär, ausgebildeter Pferdewirt, das absolute Pendant zur sprichwörtlichen Treue der Grafen von Veldenz.
    • Vorhut: Quartiermeister Thomas Juncker, studierter Theologe, verdingte sich als Schreiber beim Bischof von Trier, leitete von Bonn aus wichtige Medien der deutschen katholischen Bischöfe und beendete nunmehr seine stolze Karriere bei dem Erzbischof von Köln. Kein Reiter, aber immerhin als Kutscher geeignet, wird Thomas den Pilgern nebst Pferden in Frankreich das nächtliche Quartier vorbereiten. Dies mit einer saftigen Wiese nebst Hafer und einer standesgemäßen Herberge mit ausreichendem vin rouge ordinaire.
    • Dieter Erdmann, welterfahrener ehem. erfolgreicher Rennfahrer (Avus), Besitzer eines Autohauses in Trier, löst Thomas in Limoges ab. Er ist gewohnt, unlösbare Verkehrsprobleme mittels eines fast 10 m langen fahrbaren Hauses zu lösen. Deshalb ist die Aufgabe der Quartierbeschaffung in den Pyrenäen und dem „Camino Francés“ bis Santiago inkl. Schleppen des (Not-) Pferdehängers für ihn ein einfaches Unterfangen.
    • Familie:
      Christa, die Gräfin und fleißige Damen, Frauen, Mägde und Leibeigene (sind zur Zeit ausgegangen) stützen dies aventure durch Jubel beim Einritt vor dem „Hostal des Reyes Católicos“ in Santiago und dem anschließenden Gottesdienst mit dem größten Weihrauchfass der Fall. Auch den Fahrdienst durch Frankreich und Spanien mit Pferdehänger werden die mutigen Amazonen bewerkstelligen.

schloss veldenz santiago pilgermuschel 01So unser Plan. So Gott will, am Sonntag, 31.03.2019, um 09:00 Uhr von Schloß Veldenz ab nach Santiago, Reisesegen inklusive.

Heute in einem Jahr werden wir mit, auf oder neben unseren Rössern bereits mitten in Spanien sein. Wohl in Sichtweite der Autobahn geht oder läuft der Pilgerweg bei Liverdun an der Mosel entlang zu meiner (heimlichen) Lieblingsstadt Toul. Nach den mit Hilfe des Internets ausgearbeiteten Tagesritt-Plänen müsste die Kathedrale am 12. Tag erreicht sein. Ich freue mich schon auf die langen Gesichter der Damen des Tourismus-Büros links vor der Kathedrale. Dort beabsichtige ich unsere Rösser, wohlwissend um die „Folgen“, anzubinden.

Im Frühjahr habe ich mich verliebt: „Santi“ ist eine 13-jährige Quarter-Stute aus der Grafschaft. Der Hufschmied meinte nur, er kenne seit Jahren ein Pferd, das für den „alten Grafen“ und 2.376 km Weg durchaus geeignet sei. Und genau diese stolze Stute stände nunmehr zum Verkauf auf einem Bauernhof, wenige Minuten vom Schloß entfernt!
Heike, die Besitzerin, hat das Pferd selbst gezüchtet und aufgezogen. Gute Papiere, sogar etwas Andalusier und Araber in der Familie, ausgeglichen und charakterlich zuverlässig.
Am Sonntag habe ich mich dann auf das rostbraune Ross gesetzt und mal angefühlt, ob das was werden könnte. Hilfen und Befehle sind anders, die eines Distanzpferdes, d. h. sie läuft einfach stur so, wie der letzte Befehl lautete, hört, für eine Frau ungewöhnlich, „auf´s Wort“ und macht dennoch einen aufmerksamen Eindruck… Gesagt, getan! Jetzt kommt noch der Pferdedoktor für den TÜV und dann kann es losgehen. Heike hat sich erboten mir einige Stunden Reitunterricht für dieses spezielle Distanzpferd zu geben. Ich freue mich!

Der „Sternenweg nach Santiago de Compostela“ beträgt von Schloß Veldenz aus, dem historischen Pilgerweg folgend, exakt 2.376 km:

Veldenz – Trier – Metz – Toul – Vézelay.

Alsdann über die Lemovicensis von Vézelay weiter über

Bourges – Limoges – Périgueux

bis zur französischen Grenze an den Pyrenäen nach

St. Jean Pied de Port.

Diese Stadt ist nach Vézelay der zweite große Treffpunkt für die Pilger. Für uns sind das dann 61 Tagesritte mit 1.595,5 km ab Veldenz!

Roncesvalles – Pomplona – Logrono – Burgos – Leon – Astorga – Santiago

Nach Roncesvalles, wo ich den Helden Roland anzutreffen hoffe, geht es auf dem 1.200 Jahre alten Camino Frances dann (geplante) 30 Tagesritte auf 704 km nach Santiago.

In Burges werden wir „natürlich“ versuchen in historischer Kleidung zur Kathedrale zu reiten. Natürlich werde ich alle guten Ratschläge und dringende Hinweise, Pferde seien aus Sicherheitsgründen verboten missachten und in der Kathedrale als erstes das Grabmal des Cid aufsuchen und ich werde es mir nicht nehmen lassen, falls ich ein Blumengeschäft nebst Rose erwische, an dem Grabmahl meines Jugendidols eine Blume niederzulegen.

Spätestens ab Navarra (Pamplona) dürften sich die Voraussagen bewahrheiten, wonach der Ritt durch die französischen Provinzen wegen der immer auffindbaren freundlichen Bauernhöfe – und sogar Reiterhöfe - relativ problemlos sei. Nunmehr, wegen der Suche nach abendlichen Unterkunftsmöglichkeiten für die Pferde, deren Verpflegung, dem regelmäßig „eintretenden“ Bedarf eines Hufschmieds dürfte es etwas schwieriger werden. Kurzum: Mein verehrter pensionierter Amtsrichter aus dem Hunsrück und die wunderbare Margit Rumpl 1, rieten, spätestens ab jetzt, die abendlichen Quartiere für Pferd und Reiter rechtzeitig zu suchen – und gewisse Enttäuschungen einfach in Kauf zu nehmen.
Und überhaupt, von Margit Rumpl habe ich gleichsam hautnah bereits jetzt die Dinge erfahren, die uns erwarten werden, wie Voltaren, Lexikon, Taschenlampe, Flöhe bis zum Schüttelfrost. Indes: Immer kommt Hilfe, ganz einfach Gott vertrauen!

Leon, nach Burgos ein „must“ träume ich „against all odds“ durch die Fußgängerzone bis zur Kathedrale zu reiten, einem Polizisten die Zügel in die Hand drücken, im veldenzischen Wappenrock die Kathedrale betreten, die Königsgruft hinuntersteigen, 23 Monarchen (!) besichtigen um dann aber, endlich, den Heiligen Gral zu verehren! Dabei bin ich mir sicher, dass Doña Urraca den Kelch, aus dem (mein) Jesus trank, dem 11. Jahrhundert in der realen Basilica de Saint Isidoro deponierte. Mein (heimlicher) Höhepunkt der Pilgerreise!

Leon: Margit Rumpl war keine „praktizierende Christin“, wie sie sagt, kommt aber zu (unserem) Gott von Missgeschicken (sie verreitet sich gelegentlich) über „kleine Wunder“ zu Erkenntnissen, die den Horizont weit übersteigen. Mein persönlicher Ausgangspunkt ist wie Ihr wisst, nicht der, meinem Jugendhelden nahe zu sein, auch nicht der historische Anlass, wenn auch spannend genug:

Die spannende Geschichte „unserer Ruine“, Schloß Veldenz wird seit der Erforschung der Familiengeschichte der Grafen von Veldenz2 um viele Geheimnisse bereichert. Im Juni 1257 brach Graf Gerlach V mit einer Reichsgesandschaft nach Spanien auf. Er hatte König Alfons dem Weisen die Krone des Heiligen (Römischen) Reiches deutscher Nation, leider in unübersichtlichen Reichsverhältnisses gewählt, anzubieten.

Nach dessen Aufbruch im Juni 1257 wurde in der Literatur romantisch verklärt, der arme Graf habe die Geburt seiner Tochter Agnes, der Erbgräfin, nicht mehr erlebt, er sei von diesem Ritt nach Spanien nicht wieder nach Deutschland zurückgekehrt.3

schloss veldenz santiago pilgermuschelNunmehr taucht eine Urkunde vom 03.08.1258 auf, wonach der tot Geglaubte eine Schenkung verfügt. Keine Frage, dass Gerlach wie (fast) jeder gläubige Christ im Mittelalter von Toledo aus über den Camino de Levanta weitergezogen ist nach Santiago. Mit der Verehrung der Reliquien Jacobs´ des Älteren, indem man die Muschel auf die Kleidung aufnäht, „erreitert“ er sich das „Eintrittsbillett“ in den Himmel. Als Schlachtenhelfer in Clavijo 844 gegen die Mauren ist Jacobus auf einem weißen Pferd reitend wie St. Georg ein Ritterheiliger. Undenkbar, dass sich die Mitglieder der Reichsdeputation Santiago entgehen ließen.
So Gott will werde ich diese Gedanken am Morgen des 92. Tages nach Veldenz auf dem Monte do gozo durch den Kopf schießen lassen. Oder auch nicht mehr, weil nach mittelalterlichen Brauch ein paar Kilometer zuvor in diesem (heute wohl dreckigen) Fluss im Angesicht von Santiago die Füße zu waschen und alsdann die Stadt barfuß zu betreten sei! Wie das mit unseren Pferden gehen soll weiß ich auch noch nicht.

Der Platz vor unserer Herberge „Parador Hostal dos Reis Catholicos“, vor der Basilika ist angeblich für Pferde gesperrt (vor 10:00 Uhr morgens?). Den Zugang zu den Hostal werden wir als „Ritter“ schon aushandeln. Außerdem sind wir von einem Veldenzer letztes Jahr schon (mit Pferden!) angekündigt.

Wie und unter welchen Umständen, bevorzugt natürlich in der abgewetzten historischen Kleidung, noch mehr bevorzugt unter Begleitung möglichst vieler Freunde zum Pilgergottesdienst, so wie oft tränenreich beschrieben, überlasse ich dem lieben Gott. Sollte es sich so ereignen, wie herbeigesehnt, dann sind wir nach 92 Tagesritten unserem Gott sicher ein Stück näher gekommen.


1. Margit Rumpl, Auf nach Santiago, eine Frau allein mit ihrem Pferd. 3.100 km von Österreich nach Santiage de Compostella!, ISBN 978-3-85022-652-3 

2. Crollius, Georg Christian, Vorlesung von dem ersten geschlecht der alten Grafen von Veldenz und dessen gemeinschaftliche abstammung mit dem älteren Wildgraven im Nahegau, Mannheim 1770 

3. Scholl, Ernst, Anm. zur älteren Linie der Grafen von Veldenz (1127 bis 1259), Graf Gerlach V. starb nicht auf dem Zug nach Spanien zu König Alfons X. von Kastilien in Westricher Heimatblätter, September 2009 S. 135 ff. 

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